Fares al-Dhahabi
Am 8. Februar 2010 betrat Ahmed Samih Mumtaz eine Bank in der Schweizer Stadt Lausanne. Er führte eine Vollmacht mit sich, die ihn berechtigte, ein Bankschließfach zu öffnen, das jahrzehntelang verschlossen geblieben war. Nach stundenlangen Arbeiten zur Öffnung kamen fünf alte Notizbücher zum Vorschein, die eine Familie osmanischer Herkunft unter strengster Geheimhaltung aufbewahrt hatte. Die handschriftlichen Aufzeichnungen enthielten das Zeugnis eines der engsten Vertrauten Sultan Abdülhamids II., eines Mannes, der die inneren Vorgänge der Herrschaft in den letzten Jahren des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus nächster Nähe kannte.
Der Verfasser dieser Notizbücher war Ahmed Izzet Pascha al-Abid, eine Persönlichkeit aus Damaskus, die in türkischen Dokumenten als „Arab Izzet Pascha“ bezeichnet wurde. Er erreichte eine außergewöhnliche Stellung im Yıldız-Palast, wurde zum zweiten Sekretär des Sultans, gehörte zu dessen engsten Beratern und zählte zu den Männern, denen sensible politische und diplomatische Akten anvertraut wurden.
Die vor Kurzem erschienene arabische Übersetzung seiner Tagebücher hat das Interesse an dieser Persönlichkeit neu belebt. Der umfangreiche, 1.037 Seiten starke Band wurde von dem Forscher Mohammed Osmanli herausgegeben und übersetzt. Al-Abid nimmt in der modernen syrischen und osmanischen Geschichte einen bemerkenswerten Platz ein. Seine Aufzeichnungen eröffnen einen Blick auf die Herrschaftspraxis aus dem Inneren des Machtapparats – aus der Perspektive eines Mannes, der viele Jahre in unmittelbarer Nähe des Sultans verbrachte und die Umbrüche miterlebte, die dem Zusammenbruch seines politischen Systems vorausgingen.
Die Geschichte dieser Tagebücher reicht in die Jahre zurück, die al-Abid im Yıldız-Palast verbrachte. In fünf Notizbüchern hielt er seine Beobachtungen, Gespräche mit dem Sultan und Anmerkungen zu Regierungsentscheidungen fest. Darüber hinaus dokumentierte er Einzelheiten von Verhandlungen und Kontakten, an denen er selbst beteiligt war. Er verfügte, dass die Aufzeichnungen aufbewahrt und erst nach hundert Jahren veröffentlicht werden sollten. Nach seinem Tod im Jahr 1924 gingen sie in den Besitz seiner Tochter Lamaan Hanım über, die sie in einem Bankschließfach in der Schweiz hinterlegte.
Über Jahrzehnte hinweg lebte die Erinnerung an diese Papiere in der Familie als geheimnisvolle Geschichte verschollener Notizbücher fort. Schließlich gelang es einem seiner Nachkommen, Ahmed Samih Mumtaz, sie nach einer mehr als dreißigjährigen Suche wiederzufinden. Damit begann eine zweite Reise der Aufzeichnungen. Ibrahim Koreli übertrug den osmanisch-türkischen Text in die lateinische Schrift, bevor die Tagebücher 2019 bei den Veröffentlichungen der Türkiye İş Bankası in zwei Bänden erschienen: Der erste enthielt den Text, der zweite Abbildungen des Originalmanuskripts.
Die Veröffentlichung stieß in türkischen Kultur- und Geschichtskreisen auf großes Interesse. Die türkische Presse widmete den Tagebüchern zahlreiche analytische Beiträge, die uns Freunde zugänglich machten. Besondere Aufmerksamkeit galt al-Abids Schilderungen seiner Gespräche mit dem Sultan sowie politischen und diplomatischen Vorhaben, die teilweise nicht über die Ebene von Überlegungen und Diskussionen hinauskamen.
Ein besonders bemerkenswertes Beispiel, das in Analysen der Tagebücher angeführt wird, betrifft einen Vorschlag, den der Sultan während des Burenkriegs in Südafrika unterbreitet haben soll. Demnach sei ein Bevölkerungsaustausch erwogen worden, bei dem Armenier aus Anatolien nach Afrika gebracht und Buren in die osmanischen Gebiete umgesiedelt werden sollten. Das betreffende Kriegsgeschehen fand zwischen 1899 und 1902 statt, als Großbritannien gegen die beiden von niederländischstämmigen Siedlern, den sogenannten Buren, gegründeten Republiken in Südafrika kämpfte.
Diese Darstellung, die mit zeitgenössischen diplomatischen Quellen abgeglichen werden muss, verdeutlicht, welche Ideen in den damaligen Herrschaftskreisen diskutiert wurden und wie groß die Besorgnis der osmanischen Führung angesichts der armenischen Frage war.
An anderer Stelle zeigt sich al-Abid bemüht, seine früheren Einwände gegen Entscheidungen des Sultans festzuhalten, die letztlich negative Folgen hatten. Dabei stellt er sich als Berater dar, der vor den Konsequenzen bestimmter politischer Maßnahmen gewarnt habe. Diese Beobachtung führt zu einer der grundlegenden Herausforderungen bei der Lektüre der Erinnerungen von Staatsmännern: dem Spannungsverhältnis zwischen historischem Zeugnis und dem Wunsch des Verfassers, seine eigene Rolle vor späteren Generationen zu rechtfertigen.
Politische Memoiren entstehen gewöhnlich aus einer persönlichen Erfahrung, die von Interessen, strategischen Überlegungen, Loyalitäten und Rivalitäten geprägt ist. Im Fall al-Abids wird die Problematik durch seine Stellung innerhalb des Staatsapparats und die Veränderungen seines Lebens nach der Ausrufung der Zweiten Osmanischen Verfassungsära im Jahr 1908 und dem Aufstieg des Komitees für Einheit und Fortschritt noch komplexer.
Deshalb müssen die Tagebücher als historische Zeugnisse betrachtet werden, die einer kritischen Prüfung und einem Vergleich mit Dokumenten aus osmanischen Archiven, den Erinnerungen anderer Staatsmänner und ausländischer diplomatischer Korrespondenz bedürfen. Al-Abids Nähe zum Sultan verschaffte ihm außergewöhnliche Einblicke in die Vorgänge innerhalb des Palastes. Zugleich verlieh ihm seine persönliche Erfahrung eine eigene Perspektive auf die Ereignisse und darauf, wem er die Verantwortung für sie zuschrieb.
Dieser Aspekt gewinnt zusätzlich an Bedeutung, wenn man das widersprüchliche Bild betrachtet, das seine Persönlichkeit umgab. Während Abdülhamid II. ihn als einen seiner vertrauenswürdigsten und fähigsten Männer betrachtete, warfen ihm seine Gegner vor, sich übermäßig in Staatsangelegenheiten einzumischen, seinen Einfluss zu missbrauchen und ein beträchtliches Vermögen angehäuft zu haben. Türkische Studien über sein Leben zeigen, wie umstritten sein politischer Aufstieg war und welche herausragende Stellung er innerhalb der Verwaltungsstrukturen, der geheimen Kommunikationsnetzwerke und der einflussreichen Kreise am Hof einnahm.
Besondere Aufmerksamkeit in der arabischen Welt verdient jedoch seine Herkunft aus Damaskus. Ahmed Izzet al-Abid wurde in eine angesehene Damaszener Familie mit beträchtlichem gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Einfluss hineingeboren. Er durchlief verschiedene Positionen in der Verwaltung, der Justiz und im Journalismus, bevor er nach Istanbul übersiedelte und innerhalb des zentralen Staatsapparats aufstieg. Er beherrschte Arabisch, Türkisch und Französisch und verfügte über umfassende Kenntnisse in den Bereichen Recht, Verwaltung und Finanzen.
Von seiner Stellung am Hof aus war er an der Bearbeitung von Fragen der Staatsschulden, des Staatshaushalts und der Beziehungen zu den europäischen Mächten beteiligt. Zudem wirkte er an Projekten mit, die während der Herrschaft Abdülhamids vorangetrieben wurden. Zu den bedeutendsten zählten die Hedschasbahn und die Telegrafenlinien, die weite Teile des Osmanischen Reiches miteinander verbanden.
Sein Lebensweg bietet die Möglichkeit, die Rolle arabischer Eliten bei der Verwaltung des Osmanischen Reiches in seinen letzten Jahrzehnten zu untersuchen. Damaskus, Aleppo, Beirut, Bagdad und andere arabische Städte bildeten einen wichtigen Teil des gesellschaftlichen Umfelds, aus dem Generationen von Verwaltungsbeamten, Richtern, Militärangehörigen und Diplomaten hervorgingen. Einige von ihnen gelangten in einflussreiche Positionen innerhalb der zentralen Staatsinstitutionen.
Diese Eliten bewegten sich in einem komplexen Geflecht von Zugehörigkeiten und Loyalitäten. Sie verbanden lokale und familiäre Bindungen sowie eine arabische kulturelle Identität mit ihrer Beteiligung am osmanischen politischen System. Al-Abids Lebensweg verdeutlicht diese Komplexität. Er diente Sultan Abdülhamid viele Jahre, bevor er nach dem Aufstieg des Komitees für Einheit und Fortschritt ins Exil gehen musste. Später wurde sein Name mit Kontakten und arabischen Oppositionsbewegungen gegen die Unionisten in Verbindung gebracht.
Die historische Ironie besteht darin, dass einer der engsten Vertrauten des osmanischen Sultans der Vater von Muhammad Ali al-Abid war, der 1932 das Amt des Präsidenten der Syrischen Republik übernahm. Zwischen der Laufbahn des Vaters im Yıldız-Palast und dem politischen Weg des Sohnes in Damaskus liegen tiefgreifende Umbrüche. Die Region wandelte sich von einer imperialen Ordnung zu modernen politischen Gebilden, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden.
Diese Verbindung zwischen den beiden Generationen verleiht den Tagebüchern Izzet Paschas möglicherweise eine Bedeutung, die über die Geschichte Sultan Abdülhamids hinausgeht. Sie beleuchten auch die Entstehung syrischer Eliten und deren politische und intellektuelle Entwicklung sowie die fortbestehenden Verbindungen zwischen ehemaligen osmanischen Verwaltungsbeamten und den Regierungsinstitutionen, die nach dem Zusammenbruch des Sultanats entstanden.
Die Tagebücher werfen darüber hinaus Fragen zur Geschichte Damaskus‘ in jener Zeit auf. Wie betrachteten die führenden Persönlichkeiten der Stadt das Machtzentrum in Istanbul? Wo lagen die Grenzen ihres Einflusses auf Entscheidungen, die ihre Heimatprovinzen betrafen? Und wie ermöglichten Netzwerke aus Verwandtschaft, Vermögen, Bildung und staatlichem Dienst Persönlichkeiten wie al-Abid den Aufstieg in höchste Machtpositionen?
Vor diesem Hintergrund gewinnt die arabische Übersetzung einen zusätzlichen Wert. Die letzten Jahre der osmanischen Herrschaft waren Gegenstand zahlreicher historischer Untersuchungen, die vielfach von den politischen und nationalistischen Auseinandersetzungen nach dem Zerfall des Reiches geprägt waren. Persönliche Aufzeichnungen bieten die Möglichkeit, die Einzelheiten des politischen Alltags zu untersuchen. Sie machen menschliche Beziehungen, Interessenabwägungen, Ängste und Unsicherheiten sichtbar, die mit weitreichenden politischen Entscheidungen einhergehen.
Der türkische Journalist Soner Sert beschäftigte sich 2019 in einem Beitrag auf der Website Gazete Duvar mit der Geschichte der wiederentdeckten Notizbücher. Dabei griff er die Schilderungen des Enkels Ahmed Samih Mumtaz auf, der betont hatte, wie wichtig es sei, diese Aufzeichnungen der Forschung zugänglich zu machen. Zugleich solle man den osmanischen Archiven Zeit geben, die Fehler und Handlungen des Paschas sowie dessen Verantwortung für die Ereignisse, an denen er beteiligt war, nach und nach offenzulegen. Dieser Appell ist besonders bedeutsam, weil er von einem Mitglied jener Familie stammt, die das Manuskript bewahrte und zu seiner Veröffentlichung beitrug.
Mit der Veröffentlichung der Tagebücher in arabischer Sprache ist diese Aufgabe für syrische und arabische Forscher leichter zugänglich geworden. Eine umfassende Untersuchung al-Abids erfordert insbesondere die Verbindung osmanischer Archivbestände mit arabischen Quellen, Dokumenten aus Damaszener Familienarchiven sowie den Erinnerungen und Zeugenaussagen seiner Zeitgenossen.
Die Geschichte des Manuskripts wirft zugleich eine umfassendere Frage nach dem Schicksal des historischen Gedächtnisses in der Region auf. Zahlreiche Aufzeichnungen von Staatsmännern, Intellektuellen, Kaufleuten und Militärangehörigen, die in der späten osmanischen Zeit lebten, wurden auf private Bibliotheken, ausländische Archive und familiäre Sammlungen verteilt. Ein beträchtlicher Teil blieb unbekannt oder der Öffentlichkeit unzugänglich.
Die Veröffentlichung der Tagebücher Izzet Paschas auf Arabisch eröffnet daher eine neue Möglichkeit, eine Persönlichkeit aus Damaskus wiederzuentdecken, die die Geheimnisse Sultan Abdülhamids II. kannte und aus nächster Nähe einen historischen Wendepunkt erlebte, an dem der Zerfall einer ganzen politischen Welt begann.
Bemerkenswert ist, dass ein Mann, der die Einzelheiten des Sultanpalastes kannte und Einblick in die vertraulichen Beziehungen zwischen dem Staat und seinen inneren wie äußeren Kräften hatte, beschloss, die Veröffentlichung seiner Aufzeichnungen auf eine spätere Zeit zu verschieben. Vielleicht zeugt diese Verfügung von seinem Bewusstsein für die Brisanz seiner Aufzeichnungen. Möglicherweise wollte er auch, dass eine Generation seine Texte liest, die den Konflikten seiner eigenen Epoche nicht mehr unmittelbar ausgesetzt ist.
Mehr als ein Jahrhundert später kamen die Aufzeichnungen aus ihrem Schweizer Bankschließfach ans Licht und wurden in der Sprache der Stadt wieder zugänglich, aus der ihr Verfasser stammte. Diese Rückkehr besitzt eine besondere symbolische Bedeutung: Ein Mann aus Damaskus hatte einen Teil der osmanischen Geschichte im Herzen des kaiserlichen Hofes festgehalten und sein Zeugnis jahrzehntelang darauf warten lassen, schließlich arabische Leser zu erreichen.
Letztlich führt die Frage, die uns diese Tagebücher stellen, weit über die Geheimnisse Abdülhamids II. hinaus: Wie viel von der Geschichte Damaskus‘ und Syriens ist noch immer in den Aufzeichnungen von Männern bewahrt, die fern ihrer Heimat lebten, an der Gestaltung ihrer Geschichte beteiligt waren und deren Zeugnisse später in Archiven und Tresoren auf der ganzen Welt verstreut wurden?







