Dimasheq – Exklusiv
Der Russland-Experte Dr. Mahmoud Al-Hamza erklärte gegenüber Dimasheq, dass Russland nach dem Sturz des Regimes von Baschar al-Assad einen erheblichen Teil seines politischen und militärischen Einflusses in Syrien verloren habe. Seiner Einschätzung zufolge habe die bisherige russische Politik in hohem Maße auf Assad gesetzt, ohne politische Alternativen aufzubauen, die es Moskau ermöglicht hätten, seinen Einfluss auch im Falle einer Veränderung der inneren politischen Kräfteverhältnisse zu bewahren.
Al-Hamza erläuterte, dass Moskau nach dem Sturz Assads mit einer neuen politischen Realität konfrontiert gewesen sei, durch die ein wichtiger Teil seiner politischen und militärischen Einflussmöglichkeiten in Syrien weggefallen sei. Russland habe jedoch begonnen, nach seiner Einschätzung pragmatischer und realistischer mit der neuen syrischen Regierung umzugehen. Dies geschehe aus der Erkenntnis heraus, dass das neue Syrien ein souveräner Staat sei und die kommende Phase keine Einmischung in seine inneren Angelegenheiten zulasse.
Der Forscher wies darauf hin, dass die russische Führung den Verlust ihres früheren Einflusses in Syrien möglicherweise nicht ausdrücklich eingestehen werde. Aus seiner politischen und militärischen Analyse sei dieser Verlust jedoch inzwischen deutlich erkennbar. Zugleich betonte er, dass die neue syrische Regierung nicht bereit sein dürfte, Moskau die Möglichkeit einzuräumen, eine militärische Präsenz in der Form wiederherzustellen, wie sie in den vergangenen Jahren bestanden habe.
Nach seiner Einschätzung zielt der syrische Kurs darauf ab, die vollständige Souveränität über das syrische Staatsgebiet wiederherzustellen, Formen ausländischen militärischen Einflusses zu beenden und die Kontrolle über die Waffen auf staatliche Institutionen zu beschränken. Damaskus sei dabei nicht verpflichtet, Moskau Garantien für die Fortsetzung seiner militärischen Präsenz zu geben.
Vereinbarungen, die Moskau ermöglichen, „das Gesicht zu wahren“
Im Hinblick auf die russische Präsenz in Syrien erklärte Al-Hamza, die syrische Führung habe sich für einen Ansatz entschieden, der auf Verständigung und schrittweisen Maßnahmen beruhe, anstatt Moskau zu einem sofortigen Abzug aus den Militärstützpunkten und militärischen Einrichtungen aufzufordern.
Ein plötzlicher Abzug der russischen Truppen und eine kurze Frist für den vollständigen Rückzug aus Syrien hätten, so Al-Hamza, negative politische und symbolische Auswirkungen auf die russische Führung haben können. Die derzeitigen Vereinbarungen ermöglichten es Moskau seiner Ansicht nach, ein gewisses Maß an „Gesichtswahrung“ zu bewahren und gleichzeitig Syrien die Wiederherstellung seiner Souveränität über sein Staatsgebiet und seine Einrichtungen zu ermöglichen.
Er verwies auf die Möglichkeit weiterer, nicht öffentlich bekannt gegebener Vereinbarungen zwischen beiden Seiten, die unter anderem Geheimdienst- und Sicherheitsbereiche sowie wirtschaftliche Interessen im Zusammenhang mit den Häfen umfassen könnten. Darüber hinaus sei künftig der Abschluss neuer Abkommen in den Bereichen Wirtschaft und Industrie sowie möglicherweise auch im militärischen und sicherheitspolitischen Bereich denkbar.
Al-Hamza rechnet damit, dass Syrien und Russland in den kommenden Monaten neue Vereinbarungen schließen könnten, insbesondere wenn die derzeitige Absichtserklärung auf Grundlage des gegenseitigen Respekts vor der Souveränität und gemeinsamer Interessen umgesetzt werde. Eine Zusammenarbeit mit Moskau stehe der Unabhängigkeit der syrischen Entscheidungsfindung nicht entgegen, solange sie auf diesen Grundsätzen beruhe.
Tartus und Hmeimim auf dem Weg unter syrische Kontrolle
Der Russland-Experte bezeichnete die Absichtserklärung zwischen Damaskus und Moskau als ernstzunehmend und verwies dabei auf den vorgesehenen Zeitrahmen für die Umsetzung ihrer Bestimmungen.
Nach den Informationen, auf die sich Al-Hamza bei seiner Einschätzung stützt, sieht die Vereinbarung vor, die zivilen Bereiche des Hafens von Tartus, einschließlich des Handelkais, innerhalb eines Zeitraums von höchstens drei Monaten an die syrische Verwaltung zu übergeben.
Al-Hamza sprach zudem über Regelungen im Zusammenhang mit dem Hafen von Latakia und dem Luftwaffenstützpunkt Hmeimim. Die Einrichtungen sollen demnach unter syrischer Kontrolle stehen, während russische militärische Ausrüstung innerhalb des Stützpunkts Hmeimim verbleiben soll. Der Stützpunkt soll zugleich in ein Ausbildungs- und Qualifizierungszentrum umgewandelt werden.
Nach Angaben Al-Hamzas soll das geplante Zentrum einen Ausbildungs-, beruflichen und militärisch-pädagogischen Charakter haben und gemeinsam von Syrien und Russland verwaltet werden. Es soll keine militärischen oder operativen Aufgaben übernehmen. Das Hauptziel könnte vielmehr darin bestehen, die auf dem Stützpunkt vorhandene militärische Ausrüstung zu nutzen, um syrisches Personal in ihrer Bedienung und ihrem Einsatz auszubilden.
Ist Russlands militärische Rolle in Syrien beendet?
Al-Hamza erklärte, dass Moskau auf strategischer und geopolitischer Ebene einen wichtigen Teil seiner Position im Nahen Osten verloren habe, insbesondere in Syrien. Syrien habe für Russland zuvor einen wichtigen Ausgangspunkt für Aktivitäten in anderen Teilen Afrikas dargestellt.
Der russische Experte erläuterte, dass die russische Präsenz in Syrien Moskau seiner Einschätzung zufolge ermöglicht habe, seine Verbündeten in Libyen, Sudan und anderen Regionen des afrikanischen Kontinents zu unterstützen. Dabei verwies er auch auf die Aktivitäten der Wagner-Gruppe sowie auf die Rolle, die russische Stützpunkte in Syrien bei der Unterstützung dieser Aktivitäten gespielt hätten.
Seiner Ansicht nach ist dieser strategische Vorteil mit den neuen Vereinbarungen weggefallen. Russland habe damit die Möglichkeit verloren, syrisches Territorium als Ausgangspunkt für militärische Operationen außerhalb Syriens zu nutzen. Dies stelle für Moskau einen erheblichen strategischen und geopolitischen Verlust dar.
Gleichzeitig bewertete Al-Hamza die neuen Verständigungen zwischen Damaskus und Moskau als positiv für beide Seiten und als potenziell förderlich für die Stabilität der Region. Seiner Einschätzung zufolge zeigen sie die Bereitschaft Russlands, mit Syrien auf Grundlage von Ausgewogenheit und gegenseitigem Respekt umzugehen. Syrien wiederum strebe danach, Konfrontationen und Feindseligkeiten mit anderen Staaten zu vermeiden.
Zum Abschluss seines Gesprächs mit Dimasheq erklärte der Russland-Experte, dass die Lösung von Konflikten zwischen Staaten durch Dialog, Verständigung und gemeinsame Interessen der beste Weg sei, Sicherheit und Stabilität zu erreichen. Er gehe davon aus, dass die russische Militärpräsenz in Syrien in ihrer bisherigen Form beendet sei. Eine Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern könne jedoch in anderen Bereichen und auf Grundlage neuer Vereinbarungen fortgesetzt werden.




