Aufgrund der „Narben der Vergangenheit“ – Ehemaliger türkischer Minister fordert Umbenennung der Stadt Tunceli
Der ehemalige türkische Bildungsminister und Mitbegründer der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP), Hüseyin Çelik, hat mit seiner Forderung nach einer Umbenennung der Provinz Tunceli und der Wiederherstellung ihres historischen Namens „Dersim“ eine breite Debatte ausgelöst. Seiner Ansicht nach stelle dieser Schritt einen wesentlichen Bestandteil der Versöhnung des Staates mit seiner Vergangenheit dar.
In einer Erklärung, die er über seine Konten in den sozialen Medien veröffentlichte, betonte Çelik, dass die „Ereignisse von Dersim“ zwischen 1937 und 1938 tiefe Wunden im kollektiven Gedächtnis des türkischen Volkes hinterlassen hätten. Er erklärte, dass die verstrichenen Jahre das Leid der Region nicht ausgelöscht hätten. Wörtlich sagte er: „Der konkrete Schritt, der heute unternommen werden sollte, ist die Rückgabe des Namens Dersim an Tunceli.“
Der ehemalige Minister erinnerte zudem an die frühere Erklärung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der einst sagte: „Wenn es notwendig ist, sich im Namen des Staates zu entschuldigen, dann werde ich mich entschuldigen.“ Çelik vertrat die Auffassung, dass auf diese Entschuldigung praktische Maßnahmen folgen müssten, die darauf abzielen, „die Würde und den Ruf“ der Stadt und ihrer Bewohner wiederherzustellen. Dabei unterstrich er, dass Rechtsstaatlichkeit Staaten dazu verpflichte, den Fehlern der Vergangenheit mutig entgegenzutreten.
Çeliks Vorschläge beschränkten sich nicht allein auf die Umbenennung der Region. Er forderte zudem ein umfassendes Maßnahmenpaket, darunter: – die klare Aufnahme der historischen Fakten zu den Ereignissen von Dersim in Schulbücher, – die vollständige Offenlegung der Geschehnisse und die moralische Verantwortungsübernahme für das Geschehene, – sowie die institutionelle Verankerung der offiziellen Entschuldigung, um die Würde der Betroffenen zu wahren.
Die Aussagen von Hüseyin Çelik gelten aufgrund seines politischen Gewichts als besonders bedeutsam. Er begann seine politische Laufbahn in der Partei des Rechten Weges, bevor er zu einer zentralen Figur der AKP wurde und zwischen 2003 und 2009 das Amt des Bildungsministers innehatte. Beobachter gehen davon aus, dass sein Vorschlag die politische und gesellschaftliche Debatte über Identität und kulturelle Rechte in der Türkei erneut entfachen könnte.
Abschließend betonte Çelik, dass die Versöhnung mit der Geschichte kein Zeichen von Schwäche sei, sondern vielmehr eine Stärke, die den gesellschaftlichen Frieden festige und verhindere, dass sich Tragödien der Vergangenheit wiederholen.
Die Ereignisse von Dersim
Die Massaker von Dersim zählen zu den umstrittensten Kapiteln der modernen türkischen Geschichte. Dersim ist der historische Name der Region, die heute als Tunceli bekannt ist.
Nach der Gründung der Republik Türkei unter der Führung von Mustafa Kemal Atatürk bemühte sich der Staat um die Durchsetzung einer starken Zentralgewalt sowie um eine nationale und sprachliche Vereinheitlichung des Landes.
Die Region Dersim war geprägt von schwer zugänglichen Berglandschaften und wurde überwiegend von alevitischen Kurden – insbesondere Zaza und Kurden – bewohnt. Aufgrund ihrer stammesähnlichen Strukturen verfügte die Region über ein gewisses Maß an Autonomie und stand nur begrenzt unter staatlicher Kontrolle.
1935 wurde das sogenannte „Tunceli-Gesetz“ verabschiedet, durch das der Name der Region von Dersim in Tunceli geändert wurde. Gleichzeitig erhielt das Militär weitreichende Befugnisse zur Verwaltung und Kontrolle der Region.
Zwischen 1937 und 1938 kam es zu lokalen Aufständen und Widerstandsbewegungen gegen den türkischen Staat, von denen einige unter der Führung des kurdisch-alevitischen Anführers Seyid Rıza standen.
Die türkische Regierung reagierte darauf mit einer großangelegten Militäroperation, die Luft- und Artillerieangriffe, Durchsuchungsaktionen in Dörfern und Bergregionen, Verhaftungen sowie Hinrichtungen umfasste. Tausende Menschen wurden in andere Regionen der Türkei deportiert. Seyid Rıza wurde 1937 nach einem umstrittenen Schnellverfahren hingerichtet.
Die Zahl der Opfer ist bis heute stark umstritten. Während die frühere offizielle türkische Darstellung von einigen Tausend Toten sprach, schätzen kurdische Historiker und verschiedene Studien die Opferzahl auf mehrere Zehntausend. Historische Zeugnisse berichten zudem von Zwangsumsiedlungen und der Trennung von Kindern von ihren Familien.
Warum bleibt das Thema sensibel?
Die Kontroverse ergibt sich vor allem aus der unterschiedlichen Bewertung der Ereignisse. Der türkische Staat bezeichnete sie jahrzehntelang als „Niederschlagung eines Aufstands“, während viele Kurden, Aleviten und Historiker sie als „Massaker“ oder „Zwangssäuberung“ einstufen.
Im Jahr 2011 entschuldigte sich Präsident Recep Tayyip Erdoğan offiziell im Namen des Staates für die Ereignisse von Dersim und bezeichnete sie als eines der tragischsten Kapitel der modernen türkischen Geschichte.
Bis heute sind die Ereignisse von Dersim ein zentraler Bestandteil des kurdischen und alevitischen kollektiven Gedächtnisses. Sie stehen weiterhin im Mittelpunkt der Debatten über Minderheitenrechte in der Türkei sowie über die historische und politische Bewertung der Gründung der türkischen Republik und der Türkisierungspolitik.
Obwohl die Region heute offiziell zur Provinz Tunceli gehört, bleibt der Name „Dersim“ im kulturellen und historischen Sprachgebrauch der Bevölkerung weiterhin lebendig.







