Fares Al-Dhahabi
Vielleicht ist Fußball der einzige Raum auf dieser Welt, in dem Träume wahr werden können – ohne Eingriffe, ohne Verschwörungen, soweit das überhaupt möglich ist. Vielleicht ist er auch der einzige Ort, an dem die Mächtigen dieser Welt, die unser Leben bestimmen, scheitern können – auf eine Weise, die selbst das kleinste Kind in Afrika oder Asien zum Lachen bringt. Sie stürzen, ohne dabei zu bluten.
Die Geschichte hat gezeigt, dass die Menschheit ein tiefes Bedürfnis nach Arenen des Wettkampfs besitzt. Sie dienen als Ventil für die Gewalt und Spannungen, die Millionen Menschen – Arme wie Reiche – in sich tragen. Manchmal können diese Gefühle sogar bis zur Selbstzerstörung oder Verzweiflung führen.
Es gibt kaum ein Land auf der Welt, selbst wenn es arm oder vom Zerfall bedroht ist, das nicht über große Stadien verfügt, die Zehntausende Zuschauer aufnehmen können. Schon die Römer, Griechen, Chinesen und viele andere Kulturen kannten diese Form der kollektiven Leidenschaft: Man identifiziert sich mit dem Sieger oder dem Verlierer, erlebt Stolz oder Enttäuschung stellvertretend und findet darin Freude und Erleichterung.
Diese Tradition hat sich bis in die Gegenwart fortgesetzt und ihren Höhepunkt in der populärsten Sportart der Welt gefunden – vielleicht sogar in der Geschichte der Menschheit. Vergleicht man moderne Fußballstadien mit den monumentalen Bauwerken vergangener Zivilisationen wie dem Kolosseum in Rom oder den antiken Theatern von Bosra, Jerash oder Arles, erscheinen diese historischen Bauwerke manchmal beinahe bescheiden angesichts der Dimensionen, die heute dem Fußball gewidmet werden.
Zum Glück hat der „Amor“ des Fußballs einige Völker verschont und andere mit seiner Leidenschaft getroffen. Besonders die einfachen Menschen in Südamerika, Afrika, Asien und Teilen Europas wurden von dieser Liebe erfasst. Auffällig ist jedoch, dass Staaten wie die USA, Russland und China trotz ihrer politischen und wirtschaftlichen Macht nie zu den großen Fußballnationen gehören. Gerade deshalb kann jedes Team der Welt davon träumen, diese Giganten zu besiegen – und genau das geschieht immer wieder. Solche Siege schenken den Menschen in kleineren oder ärmeren Ländern ein Gefühl der Genugtuung. So kann etwa Syrien China schlagen, Wales die USA bezwingen oder Kroatien Russland besiegen.
Im Fußball treffen Fantasie und Armut aufeinander. Beide besitzen viele Abstufungen. Armut bedeutet nicht nur Geldmangel, und Fantasie ist weit mehr als bloßes Tagträumen. Wenn sich diese beiden Kräfte verbinden, entstehen Wunder. Die Geschichte zeigt, dass aus der Verbindung von Entbehrung und Vorstellungskraft große Dichter hervorgegangen sind, ebenso wie einige Propheten, die einst ihre Herden auf einfachen Weiden hüteten, während sie die schönsten Geschichten der Menschheit schufen.
Auch Nationen brauchen kollektive Träume – Träume, die gemeinsam erlebt und verwirklicht werden können. Fußball vermag es, Hoffnung in gebrochene, besiegte oder zerrissene Gesellschaften zurückzubringen. Gleichzeitig kann er sie ebenso tief enttäuschen.
Ein Beispiel dafür ist Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Der erste große Moment nationaler Hoffnung kam 1954 mit dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft – nur neun Jahre nach Kriegsende. Ähnliches geschah in Argentinien nach dem Militärputsch von 1976. Das Land litt unter Repression, wirtschaftlicher Krise, Inflation und politischer Gewalt. Als Argentinien jedoch die Weltmeisterschaft 1978 im eigenen Land gewann, kehrte ein Stück Hoffnung zurück. Jahre später verschwand die Militärdiktatur, und das Land schlug den Weg zur Demokratie ein.
Vergleichbare Geschichten finden sich im Irak beim Gewinn des Asien-Cups oder in vielen anderen Ländern. Fußball brachte Freude in die Herzen ganzer Nationen – und manchmal auch Leid. Berühmt ist die sogenannte „Fußballkrieg“-Episode zwischen Honduras und El Salvador, bei der die Spannungen rund um die WM-Qualifikation schließlich in einen bewaffneten Konflikt mündeten.
Mitten in all dieser Politisierung wehen auf den Tribünen die Fahnen unterdrückter Völker neben den Flaggen der teilnehmenden Nationen. Sie scheinen zu sagen: „Unser Land existiert noch – auch wenn es nicht auf dem Spielfeld steht.“ Eine einzige Fahne kann einem ganzen Volk Hoffnung schenken. Wenn jemand auf das Spielfeld läuft und die Flagge Palästinas oder Syriens trägt, bewegt dies Millionen Menschen.
Heute ist der Fußball stark vom Kapital geprägt: Spieler verdienen Millionen, Eintrittskarten kosten Hunderte Euro, und selbst das Zuschauen erfordert oft teure Abonnements. Doch trotz allem gehört der Fußball in seinem Kern weiterhin den Armen und den Träumern. Ihre Helden sind die Fußballer – nicht die Generäle und Strategen der großen Mächte.
Stellen wir uns nur vor, ein WM-Finale würde ausschließlich zwischen Russland und den Vereinigten Staaten stattfinden. Wie trostlos und hässlich würde eine solche Welt wirken, beherrscht von politischen Rivalitäten und ideologischen Kämpfen.
Deshalb bleibt Fußball ein Ort, an dem die einfachen Menschen ihre Träume ausleben können – und manchmal sogar verwirklichen. Ein Ort, an dem sie wenigstens für einen Moment über die Mächtigen dieser Zeit triumphieren.







